Der erste Satz

Der erste Satz in einer Begegnung ist Teil des ersten Eindrucks, und für den gibt es bekanntlich keine zweite Chance. Was für menschliche Beziehungen gilt, wollten die "Initiative Deutsche Sprache" und die "Stiftung Lesen" jetzt einmal genauer in Bezug auf Bücher wissen, und haben im Jahr 2007 einen Wettbewerb durchgeführt, um der "Magie" erster Sätze auf die Spur kommen.

 

Die prominente Jury hat nach intensiven Beratungen (unter Ausschluss der Öffentlichkeit) diese schönsten ersten Sätze als Gewinner gekürt. Viel Spaß beim Lesen!

 

Erste Seite

Wie auch immer der erste Satz lautet, welches geistige Bild der Text mittels rhetorischer Fragen im Kopf des Lesers malt, welch triumphalen Abschluss der Autor auch gefunden hat, die Leidenschaft, mit der wir Bücher „verschlingen“, ist immer auch an die Zeit und persönliche Situation gebunden, in der wir sie gelesen haben. Kein noch so virtuoses Stakkato von Worten und Wörtern, und die mit ihnen gemalten Szenen, kann diese Dimension von Zeit und Raum übertünchen.

"Ich rate dem Leser, das Buch nicht auf der ersten Seite zu beginnen. Ich tute das deshalb, weil ich weiß, wie wenig die überzeugendste Versicherung des Autors verfängt, dass er einen außerordentlich interessanten Stoff vorzutragen habe.

Eine tiefsinnige Anmerkung, von dem Schriftsteller, der uns den unvergessenen Schmachtfetzen „Götter, Gräber und Gelehrte“ als Sachbuch zum Thema Archäologie bescherte. Sein Name: Kurt Wilhelm Marek, der dieses Buch im Jahr 1949 (ja, da war doch was …) unter dem Pseudonym C. W. Ceram veröffentlichte.


Wer also die heimischen Regale (oder die einer nahe gelegenen Bibliothek) nach den Lieblingsbüchern durchforstet, um den besten ersten Satz zu finden, wird vielleicht auch feststellen, dass es eben nicht unbedingt die ersten drei Wörter (die Zahl drei ist natürlich willkürlich gewählt, in Anspielung an Günter Grass, siehe oben) sind, die darüber entscheiden, ob das Buch den Leser in seinen Bann zieht.
Häufig sind es eher die ersten Absätze, und manchmal auch noch nicht einmal die, wie etliche berühmte Bücher beweisen, deren Anziehungskraft der ersten Seiten eben nicht ihren Erfolg begründen.

Epilog

Die etwa 17.000 Teilnehmern des Wettbewerbs favorisierten den ersten Satz aus Franz Kafkas „Verwandlung“. Das zeigt auch, wie weit das Adjektiv "schön" gefasst werden muss, denn der Beginn dieses Buches verdient auch das Adjektiv „bedeutungsschwanger“. Nach welchen Kriterien die Jury die Gewinner auswählte, blieb leider, sowohl vor als auch nach dem Wettbewerb, im Dunklen - Schade. Zumal sich deutsche Literatur aus mehreren Jahrhunderten auf dem Prüfstand befand, und es von daher etwas obskur anmutet, dass ausgerechnet der erste Satz aus „Der Butt“ vom lebenden Urgestein Günter Grass zum brillantesten Anfang gekürt wurde (der Roman gilt nach „Die Blechtrommel“ als Grass bedeutendstes Werk). Aber vielleicht war es auch der „Zeitgeist“ der ein literarisches Werk aus dem Jahr 1977 auf den ersten Platz hob.

Eines stand aber von Anfang an fest: die leidenschaftliche Begründung zählt. Und so sind auch bei etlichen Einsendungen die Erklärungen spannender als der Satz, auf den sie sich beziehen.

Der erste Eindruck, den wir von einem Buch, Film, oder Menschen gewinnen entscheidet darüber oft darüber wie es weitergeht: ob wir uns verlieben, zutiefst berührt sind oder ob es uns „kalt“ lässt. Er ist nicht wiederholbar, aber manchmal auch mehr Schein als Sein, und auf jeden Fall ist das innere Bild, das durch die erste Begegnung entstand revidierbar – in alle Richtungen.

Der Beginn einer Geschichte ist zwar nicht sein Kern, aber er ist die Tür die sich uns öffnet, auf unserem Weg, zum Kern vorzustoßen. Und dieses Gefühl eine Tür zu öffnen, das hinter ihr liegende schon schemenhaft zu erkennen, schenkt Menschen wirklich Herzklopfen: Ohne Anfang kann es nicht enden.

Die meisten Sätze zählen zu den Klassikern, und das aus gutem Grund, haben sie sich doch teilweise zu geflügelten Worten entwickelt. Andere hingegen sind erfrischend neu und so überraschend, dass sie die Neugier auf das ganze Werk wecken und auch zur Beschäftigung mit der ästhetischen Seite von Sprache anregen, was wohl zum didaktischen Zweck des Wettbewerbs gehörte. So sind manche Anfänge perfekte Spannungsbögen, konzentrierteste Anregung, komprimierte Dichte, die die Erwartung, das (noch) dahinter verborgene kennenzulernen, wecken:

"Ich war eine glückliche Frau" aus dem Band „Ich träume also: Erzählungen“ von Margriet de Moor

"Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu schaden, er starb." aus „Bronsteins Kinder“ von Jurek Becker

"... Anfangen, wo es anfängt" aus der Hörspieldichtung (ein Klassiker) "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas

Das nach dem Wettbewerb erschienen Buch ist aufwendig gestaltet (Leinen, Prägung, schöne (manchmal unscharfe) Fotos). Es enthält logischerweise nur eine Auswahl aller Einsendungen und noch einige mehr oder weniger hilfreiche Essays der Jury. Für manche mag es ein kleiner Schatz sein, um eine handelsübliche Bezeichnung zu verwenden denn eine solche Sammlung von Anfangssituationen ist natürlich eine unerschöpfliche Fundgrube für Autoren aller Art.

Wer weiß: vielleicht lautet ja der nächste Wettbewerb: der schönste Buchtitel, Filmtitel (siehe auch diese Sammlung der besten Filmzitate) , Anfang eines Gedichts oder der schönste Spruch der deustchen Sprache ...